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Politik

"Atomkraft - Nein danke"-Symbol

Eine Sonne für Millionen

Politik Das Symbol der Anti-AKW-Bewegung ist zum Massenartikel geworden. Die rote Sonne "(Atomkraft - Nein danke") ist mittlerweile Kult - und in der Mitte der Gesellschaft angekommen. von Simon Book, Berlin


Es gibt sie doch noch, die AKW-Gegner der ersten Stunde. Wie 1981 in Brokdorf. Mit Mütze und zugeschnürtem Regenmantel steht Mümmes Straßenrock auf der Bühne am Potsdamer Platz in Berlin. "WWW - Weltweiter Widerstand" singen sie der Menge entgegen. Die Parolen sind noch dieselben wie vor 30 Jahren. Das Publikum ist indes ist ein ganz anderes. Rund 250.000 Menschen kamen am Wochenende zu Anti-AKW-Protesten in vier großen deutschen Städten. Anders als in Japan scheinen hierzulande alle aussteigen zu wollen.

Seit dem Atomdrama in Fukushima erlebt die Bewegung ungeahnten Zulauf. Nicht nur ehemalige Kernkraftfans wie die CSU-Granden Horst Seehofer und Markus Söder sind inzwischen übergelaufen. Über alle Altersgruppen und politischen Lager hinweg wird die Kernenergie abgelehnt. Jedenfalls suggerieren das die roten "Atomkraft? Nein danke!"-Sonnen, die überall zu sehen sind: Als Aufkleber auf großen Geländewagen, als Fahne aus Fenstern im noblen Berlin-Zehlendorf, als Hutkrempe beim Sonntagsspaziergang im Grunewald oder Schokostaub für den laktosefreien Cappuccino.

Vergangene Woche druckte sie zuerst die Jugendpostille "Bravo" als Poster, am Tag drauf Springers konservative "Welt Kompakt". Überall ist die rote Sonne Pop.

"Die Sonne als zweites politisches Motiv der ,Bravo‘ in über 50 Jahren, nach Barack Obama - das zeigt, in welcher Liga sie spielt", sagt Siegfried Christiansen vom OOA Fonden - der Stiftung, der dänischen Anti-Atomkraft-Bewegung. Christiansen gehörte zu ihren Mitbegründern. Eine seiner Mitstreiterinnen hatte die Sonne 1975 für die Kampagne entworfen. Schon ein Jahr später produzierte sie wegen der großen Nachfrage eine deutschsprachige Sonne, Sonnen für 50 weitere Länder folgten. Heute ist die Sonne in der EU und den USA geschützt. Der OOA Fonden hält die Rechte und sorgt dafür, dass sie Protestsymbol bleibt: "Das Logo gehört der Bewegung. Es soll von der Bewegung hergestellt und verbreitet werden", sagt Christiansen.

Jede Gruppe, die sich gegen Kernkraft engagiert, darf sie kostenlos benutzen. Unternehmen können eine Lizenz erwerben. Die Einnahmen fließen zurück an die Bewegung. 2010 waren es 10.000 Euro. Für dieses Jahr rechnet Christiansen mit dem Doppelten: bis zu 25.000 Euro.

Doch nicht nur Unternehmen wollen von der Kraft der Sonne profitieren. "Vor der Japan-Katastrophe hatten wir zehn bis 30 Bestellungen pro Tag, jetzt haben wir 800 bis 1000", sagt Jochen Stay von Ausgestrahlt.de. Die Protestbewegung lässt das Motiv auf Anstecker, Aufkleber, Transparente, Paketband, Papierlaternen oder Frisbees drucken. Aber auch Bonbons sind im Angebot, ebenso wie eine Cappuccino-Schablone für das Protest-Topping. Fast alle Artikel sind inzwischen ausverkauft.

Der Ansturm hat die kleine Organisation lahmgelegt. "Er fordert uns so heraus, dass wir gerade mit der Buchhaltung gar nicht mehr nachkommen", sagt Stay. Durch das Bravo-Poster wird der Andrang wohl noch stärker werden. "Dabei ist das gar nicht unsere Aufgabe: Wir organisieren eigentlich politischen Aktivismus." Stay sieht in der Popularität der Sonne eine Renaissance der Bewegung. "Ich finde, Bravo zeigt, wie sich gesellschaftlich etwas verschiebt. Das Poster greift einen Wandel auf: Eine junge Generation, die sich politisiert. Die Sonne wird nicht getragen, weil es gerade schick ist."

Die Shell-Jugendstudie gibt ihm Recht: Das politische Interesse der Zwölf- bis 17-Jährigen ist gestiegen, zeigte die Langzeitbefragung. Doch Siegfried Christiansen, der Atomkraftgegner der ersten Stunde, ist skeptisch. "Die Poster wären ohne Fukushima nicht gekommen. Die Sonne ist jetzt cool", sagt er. "Wie sehr das die junge Generation beeinflusst, da soll man sich aber nicht zu viel vormachen."

Grün wird bürgerlich
Rechts Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) hat in einer Studie festgestellt, dass die Grünen auf dem Weg zu einer bürgerlichen Partei sind. Die Protestler von eins seien nun Besserverdiener, Beamte oder Selbstständige. Die Partei vertrete deshalb vermehrt Interessen der potenziell bürgerlichen Klientel von Union und FDP.
Links Aber auch die Themen des linken Lagers werden den Grünen laut DIW-Langzeitschnitt abgenommen. Ideologische Konkurrenten der Partei seien vor allem die Linke und die SPD.
szmtagszmtag